2 Tage im Leben von Roland und seinen zwei Töchtern
Saskja (3 1/2) und Anouk (2 1/2)


Mein 14-tägliches Kinder-Wochenende fängt schon an, bevor es soweit ist.
Geistig bin ich immer ein paar Tage im Voraus bei meinen zwei Töchtern. Dann nehme ich alles etwas ruhiger und schaue mir selbst besser als in den Zwischenzeiten. Da ist das Leben irgendwie haltloser. Dann, am Samstagmorgen, hole ich sie ab, so um 10 Uhr, und jetzt gibt's erst mal ein grosses Wiedersehen nach langer Abstinenz. Das war nicht immer so. Bis vor einem Jahr wohnten wir noch als Familie zusammen. Ich arbeitete drei Tage die Woche und den Rest verbrachte ich mit den Kindern, meiner Kunst oder einfach mit viel Zeit und wenig Geld. Mit Kindern erhält Zeit ohnehin eine andere Dimension. Sie wird unzählbar, unerheblich, sie dauert nur noch. Nun leben wir getrennt und so hat sich auch die Zeit wieder getrennt.
Nach dem Abholen gehen wir erst mal zu mir nach Hause und richten zusammen das Schlafzimmer ein. Das ist so was wie ein kleines Ritual: Maträtzli und Decken aus dem Keller holen und ja nicht die Bettüberzüge verwechseln. So Kleinigkeiten, denen Kinder Bedeutung verleihen. Am Samstag gibt's auch praktisch nie einen Mittagsschlaf, obwohl Anouk den eigentlich noch immer bräuchte; aber sie ist wohl zu aufgeregt. Also machen wir Programm. Meist mache ich schon im Voraus mit Freunden ab. Wenn nicht, ist aber auch nicht schlimm. Hab gemerkt, dass viel Rambazamba unnötig ist. Einfach zusammensein, gemixt mit wunderbarer Kinderphantasie, reicht aus für eine gute Zeit. Gegen Abend dann gehen wir heim und ich koche was für alle, während sie Legowerfen üben.

Ich bin ein Wochenend-Papi wider Willen.
Das Gericht sagt: Er geht arbeiten, sie schaut für die Kinder. Er muss Erwerbsarbeit verrichten, sie darf. In meinem Fall muss ich. Und weil zwei Haushalte teuerer sind als einer, arbeite ich heute wieder 100%, wider Willen. Vor fünf Jahren hatte ich bewusst Branche und Position gewechselt um Teilzeit arbeiten zu können. Und nun das! Dass im Streitfall grundsätzlich und automatisch davon ausgegangen und entschieden wird, dass die Frau "darf", und der Mann halt "muss", finde ich bedenkenswert. Und ebenso, weshalb ich als Mann besonders nachweisen muss, dass ich für die Kinder ebenso gut sorgen kann wie meine Frau, ungeachtet dessen, dass ich doch fast drei Jahre die Kinder erfolgreich intensiv betreut hatte. Das Ungerechtigkeitspendel, welches in der Arbeitswelt gegen die Frau schlägt, trifft Männer in der Familienwelt. Aber meiner Lebensfreude tut das nur am Rande Abbruch, wortlos hinnehmen mag ich es jedoch nicht.

Sonntags stehen wir gar nicht so früh auf,
denn am Vorabend lasse ich die zwei wach, bis sie von sich aus müde werden und das kann dauern. Im Sommer ist es für mich nicht schwierig herauszufinden, was zu tun mit den Kindern. Mindestens einmal pro Wochenende trifft man uns auf der "Bäckerwiese" an, einem kleinen Stadtpark mitten im Kreis 4 in Zürich mit Wasserplantschbecken, Restaurant, Veranstaltungen, Spielmöglichkeiten und viel Leben. Im Winter wird's schwieriger mit Kindern in der Stadt. In den Wald oben am Buecheggplatz oder Richtung Uetliberg oder in den Zoo? Oder Kindernachmittag bei jemandem zu Hause oder Malen im Atelier? Oder doch ins Hallenbad City? Aber sonst ist die Situation für Kinder in der Stadt recht prekär. Kein Wunder ziehen viele raus "auf's gelobte Land".
Anyway, schon langsam denke ich daran, dass sie bald wieder zurück müssen. Es ist schon ein Müssen, aber in dem begrenzten Zusammensein liegt auch Intensität. Normalerweise mache ich Mitte Sonntagnachmittag schon langsam das "nachher gömmer dänn wieder zum Mami" zum Thema. Das hilft, hab ich herausgefunden.

Es gibt einiges, was mich beschäftigt.
Was mit meiner Familie passiert ist und auch was abgeht mit den jungen Familien um mich herum. Ich frage mich weshalb das so schwierig zu sein scheint. Ich frage weshalb meisten Frauen ihr Arbeitspensum mehr oder ganz reduzieren sobald Kinder unterwegs sind. Und weshalb das auch später so bleibt. 90% der Männer arbeiten nach dem ersten Kind voll weiter, nur 10% der Frauen. Ich frage, ob sich so etwas ändern wird, auch an den ungleichen Löhnen. Und auch frage ich warum Teilzeit arbeitende Männer im Beruf als halbe Portionen gesehen und auch als solche behandelt werden. Sogar im meinem Beruf als Consultant ist Teilzeitarbeit ein Hemmschuh, was ein schlechter Witz ist., da jeder Consultant immer in mehreren Projekten involviert ist, also auch immer nur "Teilzeit" an einem Projekt arbeitet. Ich sehe: die "intakte" Kleinfamile löst die heutigen Probleme im sozialen, ökonomischen Bereich und hinsichtlich der Sicherung unserer Sozialwerke - zumindest im städtischen Umfeld, wo ich das beobachten kann - nur noch suboptimal. Offenen, andersartigen sozialen Systemen wie z.B. der Grossgemeinschaft, der Wohngemeinschaft, der Kinderkrippe/-horte, etc. gibt man nur zögerlich eine Chance. Dabei sind sie heute wahrscheinlich gefragter als in den 68-er Zeiten. Aber die "good news" sind: Es macht Spass seinen Mund aufzutun und zum Denken anzuregen. Man ist dabei nicht alleine, und es gibt Leute, wie z.B. bei Avanti-Papi, die in eine ähnliche Richtung ziehen.

Und so fahre ich Saskja und Anouk im 14-er Tram dann nach Hause.
Ich bin froh, dass sie nun nicht mehr weinen bei der Übergabe, so wie es anfangs der Fall war. Sie wissen, dass ich wieder kommen werde. Und im Moment, wo ich ihnen den Rücken zukehre und den Hägelerweg runtergehe, fange ich an zu überlegen und drehe neue Ideen, um dem Leben Sinn und Bedeutung zu geben.

Das "Kid's Hotel"
habe ich ganz im Sinne dieses freiheitlich-selbstverantwortlichen Dogmas ins Leben gerufen. Der Verein mietet sich an Wochenenden in bestehenden Kinderkrippen ein, um die knappen Immobilien-Resourcen effizienter zu nutzen. Dabei bietet "Kid's Hotel" Eltern in Zürich zu konkurrenzlosen Preisen einen coolen Kinderhort an, damit diese 1 x pro Monat wieder mal so richtig ausgehen und am Sonntagmorgen wieder mal so richtig vögeln können. Etwas, was ehrbare Eltern natürlich niemals tun würden :-)


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